In Zwischenräumen wachsen: Sina Hensel

28.08. – 24.10.2025

Weiter geht es mit dem dritten Beitrag im Rahmen des Programms »In Zwischenräumen wachsen«:

Ausgangspunkt des kuratorischen Konzepts ist eine Auseinandersetzung mit den ethisch-philosophischen Überlegungen des römischen Kaisers und Stoikers Marcus Aurelius (121–180 n. Chr.). In seinen Selbstbetrachtungen formulierte er ein Ideal innerer Haltung, das auf den vier Kardinaltugenden – Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigung – beruht. Diese Tugenden, die sich in der platonischen Philosophie verankern und durch die christlich-abendländische Tradition fortgetragen wurden, sind nicht nur abstrakte Prinzipien, sondern finden sich bis heute im kulturellen Gedächtnis – etwa in der städtischen Ikonographie Triers, wie im Petrusbrunnen auf dem Hauptmarkt.

In Zwischenräumen wachsen greift dieses historische Erbe auf – jedoch nicht als Affirmation europäischer Moralgeschichte, sondern als Ausgangspunkt für eine kritische Relektüre aus zeitgenössischer, künstlerischer Perspektive. Vier internationale Künstler*innen interpretieren je eine der Kardinaltugenden neu, konfrontieren sie mit heutigen Realitäten und bringen sie in Bezug zu feministischen und dekolonialen Denkfiguren. Die künstlerischen Interventionen werden dabei nicht simultan, sondern staffelweise über den Projektzeitraum hinweg im öffentlichen Raum sichtbar – jede Eröffnung bildet eine eigene Etappe im Gesamtprozess.

Partizipierende Künstler*innen: Hussein Shikha, Enya Burger, Sina Hensel und Juyoung Paek

Mit ihrem Werk Blushings (2022) nähert sich Sina Hensel der Tugend der Mäßigung (temperantia) aus zeitgenössischer Perspektive. Angesichts der beschleunigten Erderwärmung rücken Prozesse des Errötens in den Fokus – Zellen, Körper und Landschaften „blushen“ häufiger und sichtbarer. Steigende Temperaturen lassen Seen in ein intensives Rot kippen, Haut verbrennen oder die Nasen von Katzen in Rosatönen nachdunkeln.

Hensel versteht dieses „Erröten“ als eine Methode der Beobachtung über Speziesgrenzen hinweg. Ihr Werk lädt dazu ein, unterschiedliche Formen des Rötens wahrzunehmen, sich in sie einzufühlen und unsere „errötenden Gefährt:innen“ ernst zu nehmen – seien es Menschen, Tiere, Pflanzen, Meere oder gar Bilder. Dabei verweist sie zugleich auf die Dringlichkeit einer neu gedachten Mäßigung: nicht nur als individuelle Haltung, sondern im Zusammenhang mit Konsumverhalten und den Dynamiken eines kapitalistischen Systems, das maßgeblich zur Klimakatastrophe beiträgt.

In der Trier Galerie gewinnt die Arbeit eine zusätzliche Schärfe: Hier verweist sie auf den Zusammenhang zwischen Konsumverhalten, kapitalistischen Dynamiken und den ökologischen Folgen, die maßgeblich zur Klimakatastrophe beitragen. Mäßigung erscheint so nicht nur als individuelle Tugend, sondern als dringendes gesellschaftliches Gegenmodell zu ausbeuterischen Strukturen.

Den vollständigen Ausstellungstext inklusive den Blushings-Katalog finden Sie hier: Booklet DE

Im Rahmen des Kulturpogramms der Landesausstellung „Marc Aurel“ 2025
Gefördert von:
Die Open Art Trier 2025 wird veranstaltet von:

Die Arbeit von Sina Hensel eröffnet am 28. August 2025, um 18:00 Uhr im Rahmen eines Künstler*innengesprächs in der Trier Galerie.

Moderiert wird das Gespräch von der Kuratorin Çağla Erdemir, das in entspannter Atmosphäre – bei einem Glas Wein – vertiefende Einblicke in das Werk und seine Kontexte eröffnet.

Über die Landesausstellung „Marc Aurel“ 2025

Der römische Kaiser und Philosoph Marc Aurel gilt als Inbegriff des guten Herrschers. Doch wie verlief das Leben des Mannes, dessen „Selbstbetrachtungen“ später zur Weltliteratur wurden? Wer war er, was prägte ihn und wie sieht das Idealbild einer guten Herrschaft aus? Nach den sensationellen Ausstellungserfolgen zu Konstantin dem Großen (2007), Nero (2016), Karl Marx (2018) und dem Untergang des Römischen Reiches (2022) lädt die UNESCO-Stadt Trier erneut zu einer fesselnden Landesausstellung ein: Die große Schau nimmt den römischen Kaiser Marc Aurel (121-180 n. Chr.) in den Blick.

Das Rheinische Landesmuseum Trier lädt zu einer Zeitreise in das Römische Reich des 2. Jahrhunderts ein und geht der Faszination um den Kaiser Marc Aurel auf den Grund. Die archäologische Ausstellung präsentiert mit wertvollen Spitzenexponaten einen chronologischen Gang durch das facettenreiche Leben und die Epoche des römischen Kaisers. Seine Lebenszeit ist gezeichnet von Gegensätzen: Während die langen Jahre als Thronfolger überwiegend friedlich waren, ist seine Regentschaft als Kaiser von erbitterten Kriegen geprägt. Vor allem aber seine Liebe zur Philosophie macht ihn zur Ausnahmeerscheinung der Antike und hebt ihn von anderen Herrschern seiner Zeit ab.

Regierende, Staatstheoretiker, Philosophen und Kunstschaffende beziehen sich seit Jahrhunderten auf Marc Aurel und seine
„Selbstbetrachtungen“. Ausgehend von dieser Rezeptionsgeschichte zeigt das Stadtmuseum Simeonstift anhand hochkarätiger Ausstellungsstücke, wie sich die künstlerischen Darstellungen von guter Regierung im Laufe der Geschichte gewandelt haben: Wann gilt eine Herrschaft als gut und gerecht? Welchen Widerhall finden diese Ideen in der Kunst? Die Gemälde, Skulpturen, Karikaturen und Medien aus acht Jahrhunderten beleuchten diese Frage als eine faszinierende Konstante der Menschheitsgeschichte mit großer Aktualität.

Aktuelle Informationen über die Landesausstellung und das Kulturprogramm finden Sie unter: www.marc-aurel-trier.de

Eröffnung Bettina van Haaren/Wolfgang Folmer – Grundberührung

12.02.2026
18.00 Uhr

Finissage Marc Theis – Sans limite

11.01.2026
11.00 Uhr